Am 29. April 1963 kam ich zur Welt
Am 29. April 1933 starb Konstantinos Kavafis
Am 29. April 1863 hatte er das Licht der Welt erblickt......
Konstantinos Kavafis wurde als Sohn eines Baumwoll- und Getreidehändlers in der nordägyptischen
Hafenstadt Alexandria geboren. In dieser Stadt sollte er die meiste Zeit seines Lebens verbringen und
1933, an seinem 70. Geburtstag, auch sterben. In Alexandria arbeitete der Dichter 30 Jahre lang im
Ministerium für Wasserwirtschaft, zuerst als einfacher Angestellter, dann als Bürochef. Er führte ein
unauffälliges Leben, tags im Büro und in Cafés, nachts in seiner Wohnung über jenem merkwürdigen
Spiel der Erinnerung, aus dem bisweilen Poesie entsteht. Erst nach seinem Tod wurden Kavafis 154
Gedichte in einem Band publiziert. Die weitere Editionsgeschichte förderte noch 77 von ihm sorgfältig
aufbewahrte Gedichte ans Tageslicht sowie einige verworfene Gedichte, lyrische Fragmente, Prosa
Er schwört zum x-ten Mal:
Ich lass das schlechte Leben sein.
Da flüstert ihm die Nacht was ein,
macht ihm was vor, macht ihn ganz schwach,
es kommt die Nacht mit ihrer Macht;
und wie sie's mögen, tun's die Glieder,
fatal, fatal, nun treibt er's wieder.
Ohne Rücksicht, ohne Mitleid, ohne Schamgefühl
Haben sie große, hohe Mauern errichtet um mich.
Und hier sitze ich nun ohne Hoffnung.
Ich denke nur an das eine,
wie dieses Schicksal den Verstand
So viel hatte ich draußen zu tun. Warum gab ich
Nicht acht, als sie diese Mauern errichteten?
Ich habe die Maurer nicht gehört -- kein Geräusch.
Unmerklich haben sie mich aus der Welt gemauert.
Sympathisch sein Gesicht, doch etwas blass,
kastaniendunkle Augen, die ganz matt;
seine fünfundzwanzig Jahre, sie kommen einem vor wie zwanzig.
Ein wenig wie ein Künstler ist er angezogen
- ist es die Farbe der Krawatte, der Schnitt des Kragens ? -
so geht er ziellos durch die Straßen,
noch immer wie in Schlaf versetzt von der verbotn Lust,
die gegen gute Sitten ist und die er grad genossen.
Im Hinterzimmer eines lauten Kaffeehauses
Sitzt ein alter Mann mit einer Zeitung
Und in seinem hohen Alter verachteten, denkt er nach,
Wie wenig er die Jahre genossen,
Als er noch stark, beredsam und schön gewesen.
Er weiß, er ist sehr alt geworden,
Das sieht und fühlt er. Doch die Zeit seiner Jugend scheint
Ihm so nah noch wie gestern. Welch kurzer Weg!
Er sieht, dass er zu leichtgläubig war -- was für ein Dummkopf!
Er traute der Vernunft, die ihm vorlog:
»Morgen. Du hast noch viel Zeit.«
Er erinnert sich, wie er sich zurückgehalten,
Welche Freuden er geopfert hat. Jede verpasste Gelegenheit
Verhöhnt nun diese unsinnige Vernunft.
Doch von den vielen Gedanken und Erinnerungen verwirrt,
Wird ihm schwindlig, und, an seinen Tisch gelehnt,
Als sie Patroklos tot erblickten,
Ihn, so männlich, kraftvoll, jung,
Begannen die Pferde des Achilles zu weinen.
Ihre unsterbliche Natur empörte sich
Sie streckten ihre Köpfe auf, schüttelten ihre langen Mähnen,
Stampften mit ihren Hufen auf die Erde und beweinten
Patroklos, den sie leblos, vernichtet ahnten,
Gemeines Fleisch, seiner Seele beraubt,
Vom Leben dem großen Nichts zurückgegeben.
Zeus sah die Tränen der unsterblichen Pferde,
Hatte Mitleid. »Bei der Hochzeit von Peleus«,
Sprach er, »hätte ich nicht so leichtfertig handeln sollen.
Besser, ich hätte euch nicht verschenkt,
Ihr glücklosen Pferde. Was macht ihr auf Erden
Unter den armseligen Menschen, Spielzeug des Schicksals?
Ihr, die der Tod nie belauert, die das Alter
Nie bedroht. Die Sterblichen haben euch
In ihr Elend verstrickt.« Und doch beweinten
Die ewige Ungemach des Todes.
Das Meer hat einen Seemann in seine Tiefe geholt. --
Seine Mutter, nichts ahnend, geht hin und entzündet
Vor der Muttergottes eine lange Kerze,
Damit er schnell zurückkehre, gutes Wetter herrsche. --
Immerzu lauscht sie nach dem Wind,
Doch während sie betet, schaut die Ikone
Ernst und traurig, sie weiß,
Dass der erwartete Sohn nie zurückkommen wird.
Verboten war ihre Lust und jetzt erfüllt.
und ziehn sich eilig, wortlos an.
Getrennt gehn sie und heimlich aus dem Haus davon.
Als sie die Straße runtergehn, ganz unbehaglich, scheint es,
als ob sie fürchteten, dass man es ihnen sähe,
auf welchem Bett sie noch vor kurzem miteinander lagen.
Jedoch wie haben sie des Künstlers Leben reich gemacht.
Morgen, am Tag danach oder nach Jahren sind sie geschrieben,
Verse voll Kraft, die hier ihren Anfang haben.
Die Tage der Zukunft stehen vor uns
Wie eine Reihe angezündeter Kerzen --
Goldene, warme, lebendige Kerzen.
Die Tage der Vergangenheit bleiben hinter uns,
Eine traurige Reihe abgebrannter Kerzen,
Die letzten rauchen noch,
Kalte Kerzen, geschmolzen und krumm.
Ich will sie nicht sehen; ihr Anblick grämt mich,
Es schmerzt mich, an ihr erstes Licht zu denken.
Ich schaue nach vorn auf meine brennenden Kerzen.
Ich will mich nicht umwenden, um mit Entsetzen zu sehen,
Wie rasch die dunkle Reihe sich verlängert,
Wie rasch die erloschenen Kerzen sich mehren.
Vor Theokrit beklagte sich eines Tages
Der junge Dichter Eumenes:
»Zwei Jahre sind es nun, dass ich schreibe,
Und nur ein Idyll habe ich zu Ende gebracht.
Es ist mein einziges, vollständiges Werk.
Ach, die Poesie kommt mir vor
Wie eine sehr hohe Treppe,
Und über die erste Stufe, auf der ich jetzt stehe,
Komme ich leider nie hinaus.«
»Solches Gerede ist unziemlich und lästerlich.
Sei froh und stolz, dass du schon
Die erste Stufe erreicht hast.
So weit zu kommen ist keine geringe Sache.
Es ist schon eine große Ehre.
Und auch hier unten ist man
Von der gewöhnlichen Welt weit entfernt.
Um diese erste Stufe zu erreichen,
Der Stadt der Ideen sein.
In diese Stadt zu gelangen ist schwer,
Und nur selten wird man aufgenommen.
In diesem Forum findest du Gesetzgeber,
Die jeden Abenteurer abweisen.
So weit zu kommen ist keine geringe Sache.
Es ist schon eine große Ehre.«
Tief in ihren alten, gebrochenen Körpern
Wohnen die Seelen alter Männer.
Wie traurig und arm sie doch sind.
Und wie es sie bedrückt, das Leben im Elend, das sie führen.
Doch wie sie es lieben. Sie zittern vor Angst, es zu verlieren,
Verwirrte und widersprüchliche Seelen,
Die -- tragikomisch -- unter ihrer alten,
Abgetragenen Haut wohnen.
Che fece ... il gran rifiuto
Für einige Menschen kommt ein Tag,
An dem sie sich das große Ja oder das große Nein
Aussprechen müssen. Es zeigt sich gleich,
Wer das Ja in sich schon bereit hat, und mit dem Bekenntnis
Schreitet er voller Ehre und Überzeugung fort.
Derjenige, der ablehnt, bedauert es nicht. Fragt man ihn erneut,
So wiederholt er sein Nein; obwohl das Nein -- gerade dieses Nein --
Ihn sein ganzes Leben lang niederdrückt.
Wir unterbrechen das Werk der Götter,
Voreilige, unerfahrene, sterbliche Wesen, die wir sind.
In den Palästen von Eleusis und Phthia
Vollbringen Demeter und Thetis große Taten
In hohen Flammen und schwerem Rauch.
Doch immer springt Metaneira
Erschrocken und verwirrt aus den königlichen Gemächern,
Und immer unterbricht der entsetzte Peleus.
In diesen dunklen Kammern, in denen ich bedrückende Tage
Verbringe, gehe ich auf und ab
Und suche nach Fenstern. -- Wenn ich ein Fenster
Öffne, so bin ich getröstet. --
Aber die Fenster erscheinen nicht, zumindest
Kann ich sie nicht finden. Vielleicht ist es besser so.
Vielleicht würde das Licht neues Leiden bedeuten.
Wer weiß, welche neuen Dinge es mir enthüllen würde.
Ruhm denen, die in ihrem Leben
Thermopylen bestimmt haben und bewachen,
Die nie von ihrer Pflicht weichen;
Gerecht und ehrlich in all ihren Taten,
Stets nachsichtig und mitleidend;
Großmütig, wenn sie reich sind, und wenn arm,
Freigebig nach ihren Möglichkeiten
Und so hilfsbereit wie möglich.
Stets sagen sie die Wahrheit,
Doch ohne Hass auf die, die lügen.
Und noch mehr Ruhm verdienen sie,
Wenn sie voraussehen (und viele sehen voraus),
Dass am Ende Ephialtes erscheinen wird
Und die Meder schließlich doch triumphieren.
Ideale und geliebte Stimmen derer,
Die gestorben sind, oder derer,
Die für uns verloren sind wie die Toten.
Oft sprechen sie in unseren Träumen,
Oft, in Gedanken versunken, hört sie der Geist.
Und mit ihrem Echo kehren für einen Augenblick
Die Geräusche der Urdichtung unseres Lebens zurück,
Wie Musik in der Nacht, die in der Ferne verklingt.
Wie schöne Leichen, die nie alt geworden sind,
Die unter Tränen in ein prächtiges Grab gesenkt wurden,
Das Haupt mit Rosen und die Füße mit Jasmin geschmückt --
So sind Begierden, die unbefriedigt
Vorübergingen, ohne eine Nacht voll Genuss
Gekannt zu haben oder einen strahlenden Morgen.
Unsere Anstrengungen, wir Unglücklichen,
Unsere Anstrengungen sind wie die der Trojaner.
Wir erreichen schon einiges,
Fassen etwas Vertrauen und fangen an,
Mutig und voller Hoffnung zu sein.
Doch stets erscheint ein Hindernis und hält uns auf.
Aus dem Grab erhebt sich vor uns Achilles
Und erschreckt uns mit lautem Geschrei.
Unsere Anstrengungen sind wie die der Trojaner.
Wir glauben, dass mit Entschlossenheit und Kühnheit
Wir den Schlägen des Schicksals entgehen,
Und kampfbereit stehen wir draußen vor den Mauern.
Aber im entscheidenden Augenblick
Verlassen uns Kühnheit und Entschlossenheit,
Und unser Mut wird erschüttert, gelähmt.
Wir laufen rings um die Mauer
Und suchen in der Flucht unser Heil.
Unser Untergang ist jedoch sicher. Oben
Auf den Mauern beginnt schon der Klagegesang.
Es jammern die Erinnerungen und Gefühle
Bitterlich beweinen uns Priamos und Hekuba.